Gedichte-Auswahl / Rainer Stolz
haben wir uns kleinexpandiert
in den leerverkäufen des lichts?
unser wanderhaus aus atemhaut
und zwischenraum übernutzt?
nach der währungsreform der worte
am umsteigehalt des augenscheins?
den anschluss verpasst zu tanzen
mit der schwerkraft unserer angst?
in der glücksfinsternis den botenstoffen
der nachtegalität nicht mehr vertraut?
mondraub studiert, fliegende flüsse
in diagramme des mangels gebannt?
damit aufgehört, wege zu verwischen
wie die regenseele auf der erdhaut?
an mooshängen und beim moorgrund
zu besuch zu sein, am erwartungsrand?
erschienen in: Metamorphosen Nr. 65, 2026
sag mir, siehst du sie noch, die gänsescharen
aus der blaupause fallen, taumelnd und fahrig
in unseren irrtum des eigentums, der erdkunde?
deine haut mit den sternbildern, ihr schimmern
sehe ich vor mir, während ich im morgennebel
durch die funklöcher der feuchtwiesen stiefle.
im wasserbewusstsein ein fließgleichgewicht
und ein knacken im äther, als ob das weltall
persönlich uns abhört oder ein atem bricht.
die nähe der tränen am telefon rettet nicht
hinweg über die versandung der aussicht.
siehst du die gänsescharen noch, sag mir
wenn die verheißung uns widerspricht?
erschienen in: Metamorphosen Nr. 65, 2026
posthum, weiß man, desertieren die meisten
sobald sich das narbengewebe der identität
aufgelöst hat und anderes leben die raketen
der angstabwehr in unseren herzkammern
als proteinbomben zu sich genommen hat.
erschienen in: Metamorphosen Nr. 65, 2026
hat es der ahorn also geschafft, mit einem einzigen wurzelstrang
die platten des parkplatzes nach und nach aufplatzen zu lassen
um der schiefen laterne auf der anderen seite trost zu spenden.
wer hier den halt verliert, gewinnt vielleicht an boden, mag er
zu ihr gesagt haben, komm, lass uns zur liegenschaft werden
lass uns anfangen damit, mikroben auszutauschen und alles
zusammenzuwerfen, was nicht zählt und eigengewicht hat.
die ableger schließlich, blinkend und vieltriebig, waren es
die den boden aufbereiteten für nachhaltige trauerfeiern
bis keine zeit mehr übrig blieb, die sich optimieren ließ.
erschienen in: Akzente Nr. 3/2025, Thema: Nature Writing
die bio-reklame der scheinakazien ereilte uns
per duftpost durch das küchenfenster, die stare
über den fernwehschüsseln mischten den abend
zu einem geschwätzdessert ab, extraleicht, als habe
die dauervorstellung stadt ihren spielplan satt gehabt
strahlte sie mit einem mal stille aus, kaum zu übertragen
rüttelte etwas an den grenzanlagen der privatempfänger
von sorgloskarten, ich hab, sagte ich, in meiner tasche
ein loch, das darf ich nicht vergessen, ach, mensch
mein akku ist leer, sagtest du, von dieser leere
kann ich nicht mehr genug bekommen.
aus: "flüchtige ankünfte" © KLAK Verlag 2024
die ausweiskontrolle gemahnt mich, dass ich
das irrdentitätsding noch in mir trage, auch
auf dem weg zu der sternwarte, um das re-
kombinationsleuchten zu bezeugen - ja, ja
vom kindergarten über den nutzartengarten
bis zum totholzareal der schlagbäume, wer da
in ächzzeit alles mitgewürgt hat, bei dem dreh
an der uhr, der großen mobilmachung - nee, nee
hier ist nicht die just-in-time-ag, es spricht das all-
fällige phänomen: max. ein paar min., immerhin.
so ein gemisch aus luft und umständen entblendet
die welt vielleicht zu einem zauberhaften isthaufen.
und jetzt mal die ganzen serviervorschläge raus hier
und einfach nur wahrnehmen, wie alles changiert.
aus: "flüchtige ankünfte" © KLAK Verlag 2024
bei den abfalltonnen schwitzen die dosenmänner
ihre egos aus, im schatten der normaluhr, am abend
laufen die serienhelden live an ihnen vorbei, niemand
kann sie riechen, die spätblüher, die orchideenkinder
die fasziniert von einer herabsegelnden, stets wieder
hinaufwirbelnden vogelfeder ihr recht reklamieren
auf das löschen aller daten, auf vergessenwerden.
aus: "flüchtige ankünfte" © KLAK Verlag 2024
de facto war für die buchstabler
kommunikationschaos keine strategie
orgiastischer feste. die spielfilmereignisse
haben sie hyperernst genommen, im vergleich
zu den akkurat eingeschmissenen fensterscheiben.
nach der entdeckungswahrscheinlichkeit pulsierender
riesenkiesel, in sprüngen um die scheinbarkeit des lichts
befragt, der wände schwarz in gleich leichten schalen
twisteten sie tief ins streetlife, und das im gewand
der wissenschaftlichkeit. verdammt noch mal
niemand hat diese bagage je gesehen, doch
sie haben es getan, obwohl sie es laut-
stark zugaben. fass, lucius, fass.
aus: "flüchtige ankünfte" © KLAK Verlag 2024
heute verirren wir uns richtiggehend
in wucherzonen, im bruchwald, geben
der welt alle zeit zum abschiednehmen
von der zukunftsfähigkeit; wir zeichnen
uns weicher, uferreicher, frei von beruf
fragmentalitäten im fluss, im flüstern
lauschen auf das raue im rauschen
im ohr, im all, im duft der haut -
der kuss, die küsse, die küste.
aus: "flüchtige ankünfte" © KLAK Verlag 2024
wir staunten die tatsachen so lange an, bis sie
bausteine waren, sachen der tat, wir nahmen
ein paar schlüsselfragen zur hand, schraubten
parteien, börsen und bilanzen auf und fanden
in allen schaltkreisen des erledigungswesens
an langen leinen der heimarbeit, in kapseln
aus freizeitleistung und im toteis der büros
die dürren gestalten wieder, die wir intuitiv
in unsere dürren arme nahmen, für jahre.
aus: "flüchtige ankünfte" © KLAK Verlag 2024
wir sammelten handschmeichler auf schleichwegen
oder schmiegten uns in den wind. fielen wir hin
konnten wir hinterher ein lied davon singen.
wir vergaßen die initialen. wir badeten
uns aus, wir schwammen ganz schön
und wir erwärmten uns mit der erde.
am bahnhof suchten wir das weite
mit jedem steinwurf - im abfall
der zuwachsraten schlugen wir uns
die erste klasse aus dem kopf. zum nähen
war es immer schon zu spät. die vögel
hörten wir zwitschern in shopping malls
während wir nichts machten als theater
der überzahl, als kunst des unfugs.
im selbstabholerlager mal eben alles
zu verwechseln war nicht leicht, aber
wir schaukelten uns auf und flogen
die taschen voll, mit aprikosen.
aus: "flüchtige ankünfte" © KLAK Verlag 2024
Erstabdruck in: "Mitlesebuch" Nr. 137, Aphaia Verlag 2016
"schwingende lasten, ganz schwierig"
sagt mein nachbar, leergut balancierend
an seinen fahrradlenkern, unterm arm
flugblätter ("wir bleiben hier!"), wieder
stoße ich mich an dem lesereflex: "geh-weg!-
schäden", erlebe live, wie sie raum greift
die sanierung in mir, der ich den absprung
zum alkpunk verpasst habe - oder
gehts auch mit malzbier? rumzuhängen hier
zwischen den wertzeichen, unterwegs zu sein
mit dem flausensegel, am erkenntern
des urlaubs im detail einer ausweichspur
des leihverkehrs der luft und der lektüren
die aufgehen am rand der flucht, dem erfolg
einen tag zu stehlen und noch einen, so
dass aus restposten nistkästen werden
und aus schwankungen flügelschläge?
aus: "flüchtige ankünfte" © KLAK Verlag 2024
Erstabdruck in: "Mitlesebuch" Nr. 137, Aphaia Verlag 2016
Es gibt da noch Fragen: an die Bewahrer
der Grautonskala, die sanft am Abend
an die Fenster schlagen, noch Fragen
an alle Wetter, deren Lagen
beten scheef sind, wie das Haus
um das sie raufen, Fragen auch
an die Regenrinne, die gelegentlich
gelassen überflüssig ist, weshalb ich
mich fragen könnte, womit die Sonne
hier oben wohl ihr Gelb verdient
wo selbst die Schafe blau machen
bevor sie ins Gras beißen, weiter
wärn da Fragen an die Scharen der Geister
mit ihren Klopfzeichen: ob sie freiwillig
sich so hineinsteigern, als sei es
keine Kunst, die unvergleichlich
nutzlos ist, wie die Hohlräume hier
die alle Fragen verlagern, als Nahrung
für die Spinnen vielleicht, die mir sagen:
gut Holz! gibt es hier - und das riecht
wunderbar, wenn ich mir wieder mal
den Kopf gestoßen habe.
aus: "Selbstporträt mit Chefkalender", Horlemann Verlag 2014
Die Kleine schläft, ich gähne
den See an. Im Schnee
schieb ich ihren Wagen und frag mich
wieder mal, wer hier wen bewegt.
Der Weg ist schmal und eindeutig
zu malerisch für heute, dem Tag
nach der Zeitumstellung. Ich habe
Pläne gemacht, was ich noch alles
sein lassen kann. Eine Greisin
kommt auf uns zu, im Rollstuhl
und sagt: "Jetzt aber, zack zack!"
aus: "Selbstporträt mit Chefkalender", Horlemann Verlag 2014
Das muss an der Mucke liegen, das muss
jetzt endlich mal gesagt werden: Das Zeug
war schlimmer als all die Drogen, die wir
nicht mal probiert haben, damals - "No
Future!" war vorbei und bot der Jugend
keine Perspektive mehr. Es hieß wieder
sich zu spiegeln und sich rückzukoppeln
an das plane Ich, den Taschenjesus
und das Stylingeinmaleins, das jede
Knutscherei in Gefahr brachte. Es galt
alle Scheinwerfer aufzudrehen: Schon
war nicht mehr zu sehen, dass niemand
da war, da man sein eigener Star war
und nicht mehr in die Sterne sah, bevor
man reiherte. So grau war alles, davon
sang man dann zu hoch oder
zu tief in die Charts hinein.
aus: "Selbstporträt mit Chefkalender", Horlemann Verlag 2014
Durstige Vögel
die Gesten deines Lobs
der Regenzone, die umherzieht
auf deiner Haut
die Sonnenflecken, und wie
nachvollziehbar sich Bi-
polarität aufbaut, hier
in deinem Spezialgebiet
wo du vom Roten Riesen
zur Erdkrümmung kommst und
mit der Art, wie ich dasitze
den Fluss begründest
der hinauffließt.
aus: "Selbstporträt mit Chefkalender", Horlemann Verlag 2014
(Auswahl)
Am Feinkost-Laden
zerfressene Buchstaben.
Bettelndes Tschilpen.
*
Die Flügel schlagen
die Luft, in der er verharrt -
bis sich was bewegt.
*
Das sind Liebende:
putzen sich gegenseitig
ihren weißen Fleck.
*
Sie steigt so weit auf
bis meine Ohren schwören
sie noch zu sehen.
*
Schluchzt um die Wette
mit bremsenden LKWs -
und gewinnt immer.
*
Nach dem Sattnaschen
vom Strauch des Johannes rasch
zurück ins Kloster!
*
Kaum dass sie landet
auf des Eigenbrötlers Hand
wird dieser zahmer.
aus: "Spötter und Schwärmer. Haiku-Vogelporträts", Edition Krautgarten 2012
ein Nachruf
Manchmal sitz ich im Elvis-Bistro
und bin k. o. -
im Radio: gute Laune.
Die Stadt eine Einstellung
die gehalten wird. Irgendwo
hinter einer großen Klappe
warten Charakterdarsteller.
Doch hier steht ein Mann
hinter dem Tresen, der Brötchen
mit einem Lächeln belegt und sagt:
"Es gibt noch Regen."
aus: "Während mich die Stadt erfindet" © Elfenbein Verlag 2007
Mensch, wie sie wackeln: die Kontakte
und die neuste Pudding-Generation
steht schon bereit. Mit dreißig
Spamhemmern sind wir längst nicht
gefeit gegen den letzten Schrei. Kein
Schritt mehr ohne Netz und doch
keinerlei Wagniswegfall, nur weltweit
agierende Abstelldienste - und wir
helfen zu sparen, bewahren die Firma
vor unseren Rückenproblemen. Jede
Putenbrust hat ihre Schutzatmosphäre.
Wir jedoch, in unseren Wohnzonen
haben kaum noch Verkehr. Wir würgen
unsere Autos ab, während der Hund
den Freejazz entdeckt. Am Telefon
ist abends dann die Engelsstimme:
"Hallo, Sie sind ein Gewinner!"
aus: "Während mich die Stadt erfindet" © Elfenbein Verlag 2007
Als ich wieder mal auf Kuchen war
in einem dieser Museumscafés
fragte ich mich, ob die Kunst noch Unsinn hat.
So wie einer neulich linkshändig
Geld hinten rechts in die Tasche tat.
Oder zwei sich bye-bye sagten
indem sie sich die Zungen rausstreckten.
Ich sah ewig auf eine stehengebliebene Uhr
und fragte mich: Was macht die Muse
wenn Grosz bei Beate rumhängt?
Als ich dann in die Stadt fiel
passte mich ein Plakat ab:
"Everyone is an original!"
Ich stahl einem Autoradio ein Lied
und spürte die Sehnsucht der Lautstarter.
Die Melancholie der Fensterhocker
rührte mich im Vorbeigehn.
Tief in mir rebellierten Randgruppen.
Selbstgesprächler waren massenweise unterwegs.
Ich sah Jugendstilscheiben zerschlagen.
Ich sah eine Alte am Stock
Golf spielen mit Kot.
Ich sah Gummis aus Fenstern fliegen.
Ich sah eine Frau, die schob eine Kinderkarre
worin ein Mädchen eine Kinderkarre schob.
Ich sah Männer rechte Haken tauschen
und dass sie sich zu Treffern gratulierten.
Ich sah Wachleute, wie sie Unwesen trieben.
Ich sah einen eine Karte essen.
Ich sah die Waldbereitschaft zunehmen.
Ich sah Autos Fußgänger überqueren.
Ich sah zuckende Münder und Augen.
Schultern zuckten immer zuletzt.
Mir kamen Türen entgegen.
Da sah ich die Kunst: ein Turm aus Schrott.
Drumherum lungerten Warengruppen.
Ich sah wie Kontrakte sich schlossen.
Ich ging gespenstisch um in vertrauten Ketten.
Wieder trat die Utopie hart ein.
Happyendverbraucher sah ich
und ging rasch zum Bäcker.
aus: "Während mich die Stadt erfindet" © Elfenbein Verlag 2007
für Claudia
Ein Bauarbeiter mit Gesichtsmaske
lacht die Züge aus, die einfahren
lacht so laut, dass wir glauben
er meint uns mit den langen Armen.
Und du weinst im ETAP-Hotel.
Ein Sommergoldhähnchen
verschmäht unser Popkorn.
Am Ufer stehn wir geflutet
vom Scheinwerferlicht
der Besichtigungsschiffe
gähnen vor Eindrücken
in alle Welt
(seht ihr uns
dann gebt Bescheid).
Eine Straße heißt
uns den Mittag zu suchen.
Ein Kellner sagt: "Bis morgen"
ich verstehe: "Deutsche".
Saint-Germain-des-Prés
ist ein Parfum.
Auf den Künstlergräbern:
kandierte Fahrkarten.
Ich sehe Trompetenbäume
in asphaltierten Parks
und du den Geschäftsmann
der auf einer Bank schnarcht.
Ich gehe hinter dir
der Aussicht wegen.
aus: "Während mich die Stadt erfindet" © Elfenbein Verlag 2007
ein flirren
zitternd leicht
ein streichen der schwinghaut
ein zungenschlag aus luft
ein druck
aufstrahlen das nachdunkelt
wie blech und glück
figuren klingen an
ertasten ihr terrain
mit drall
zum schwindel hin
schlingern durch die ebenen des sinns
schleifen ihre enden los
treiben treppen hoch
auf die schneckenspitzen
vorhoffenster fliegen auf
sie sausen durch
umkurven knochenlamellen
stromern durch röhren
kugeln sich jung
erschienen auf : Lesefutter, Literatur auf Brötchen- und Büchertüten, 27.+31. Auflage, Köln 2007
& in "flügelzeug. Laut-, Listen- und Raubgedichte", edition rast 2015
sei kon struk tiv kon tak tier lieb
kon ti nenz wie du musst
kon sum dich ran
kon text ihn zu der kon ver siert
kon ter ka rier sein hemd
kon ster nier nie
kon troll dich froh kon tur nur so
kon so lä dierst du
kon ser viers dir
kon fron tier kon fli gier geh
kon form mit kon fu tse
kon ti im nu um
erschienen in: ndl 2/03, Berlin 2003
& in "flügelzeug. Laut-, Listen- und Raubgedichte", edition rast 2015
[© Rainer Stolz - wenn nicht anders angegeben]